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Geltungszeitraum von: 01.08.1980

Geltungszeitraum bis: 28.02.2011

Beratungsstellen nach § 218 StGB
in kirchlicher Trägerschaft

Bekanntmachung des Evangelischen Oberkirchenrats vom 11. August 1980

(GVBl. S. 92)

1 Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Baden-Württemberg hat das nachfolgende Positionspapier für den Auftrag von Beratungsstellen nach § 218 StGB in kirchlicher Trägerschaft erarbeitet, dem alle Kirchen der ACK zugestimmt haben.
2 Der Evangelische Oberkirchenrat gibt im Einvernehmen mit dem Diakonischen Werk das Positionspapier (Anlage) an alle weiter, die mit der Beratung und Seelsorge im Zusammenhang mit Schwangerschaftsabbrüchen zu tun haben.
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Anlage

1.
Feststellungen zur gegenwärtigen Situation
Die Entwicklung nach der Novellierung des § 218 StGB erscheint durch folgende Faktoren gekennzeichnet:
1.1
1 Die Zahl der statistisch erfaßten Abtreibungen in der Bundesrepublik nimmt zu. 2 Die Zahl der Abtreibungen bei deutschen Frauen im Ausland scheint nicht im gleichen Maße abzunehmen. 3 Es gibt noch immer Abtreibungen, die nicht erfaßt sind.
1.2
Das Problem des Schwangerschaftsabbruches wird in der Öffentlichkeit diskutiert.
1.3
Die Notwendigkeit einer aktiveren Familienpolitik ist ins Bewußtsein der Öffentlichkeit gedrungen.
1.4
Für Frauen, die durch eine Schwangerschaft in Not geraten, besteht das Angebot, ihre Probleme bei den Beratungsstellen und bei den Ärzten vorzubringen.
1.5
Die Zurücknahme der Strafandrohung beim Schwangerschaftsabbruch birgt die Gefahr,
  • daß der Schwangerschaftsabbruch als ethisch erlaubt gilt,
  • daß in weiten Kreisen der Öffentlichkeit aus der Neuregelung ein Anspruch auf Abtreibung abgeleitet wird,
  • daß der Druck von Bezugspersonen auf die Schwangeren, einen Abbruch vornehmen zu lassen, durch den Hinweis auf Straffreiheit verstärkt wird,
  • daß kirchliche Beratungsstellen Einseitigkeit vorgeworfen wird, wenn sie ihrer gesetzlichen Pflicht nachkommen, zur Fortsetzung der Schwangerschaft zu ermutigen und dazu Hilfen zu nennen und anzubieten.
1.6
1 Die Arbeit der Beratung wird dadurch erschwert, daß das Gesetz den zeitlichen Vorrang der Beratung vor der Feststellung der Indikation nicht klar vorschreibt. 2 Das hat zur Folge, daß eine Anzahl von Frauen die Beratungsstellen erst aufsucht, nachdem die Indikation durch den Arzt festgestellt ist.
1.7
Die Übernahme von Kosten der Abtreibungen durch die Krankenkassen erweckt den Anschein, als sei die Schwangerschaft eine Art Krankheit, die durch einen ärztlichen Eingriff beseitigt wird.
2.
Theologische Überlegungen zur Frage des Schwangerschaftsabbruchs
2.1
Gottes Ja zum Leben
1 Gott ist der Schöpfer des Lebens. 2 Er hat seine Schöpferkraft allem Leben mitgeteilt. 3 Menschliches Leben ist Teil der geschaffenen Welt und hat in ihr doch eine Sonderstellung. 4 Als Ebenbild Gottes ist der Mensch zur Herrschaft über die Welt berufen, kann Gottes Stimme vernehmen und ihr antworten. 5 Der Mensch ist gewürdigt, in eine Beziehung zu Gott zu treffen, die am Ende der Tage in einer vollkommenen Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch ihre Erfüllung finden wird. 6 Das menschliche Leben ist auch gekennzeichnet von Entfremdung und Sünde. 7 Aber mitten in der gefallenen Welt genießt es doch den besonderen Schutz Gottes. 8 Das Gebot »Du sollst nicht töten« gilt für alles menschliche Leben – das geborene und das ungeborene.
9 Der schuldig gewordene Mensch muß sich für sein Handeln vor Gott verantworten. 10 Er wird jedoch trotz seiner Schuld nicht aus der göttlichen Fürsorge entlassen. 11 »Gott will nicht den Tod des Sünders, sondern daß er lebe und sich bekehre.«
2.2
Menschliches Leben ist ein Leben in Gemeinschaft
1 Menschliches Leben hat eine dialogische Struktur: der Mensch ist als Mann und als Frau geschaffen. 2 Diese Struktur prägt seine Persönlichkeit, seine zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Beziehungen. 3 Die Ausdrucksformen der Beziehung von Frau und Mann sind vielgestaltig. 4 Sie reichen von der zärtlichen Zuwendung bis zur leib-seelischen Vereinigung.
5 Mit der Geschlechtlichkeit ist die Fähigkeit verknüpft, neues Leben zu zeugen. 6 Diese Fähigkeit verlangt die verantwortliche Ausrichtung der Geschlechtlichkeit auf die Zukunft, die nächste Generation.
7 Die Ehe ist ein besonderer Ausdruck für den dialogischen Charakter menschlichen Lebens. 8 Sie ist eine Form menschlicher Gemeinschaft, die Leib und Seele umschließt. 9 Sie wird im Neuen Testament als Bild und Gleichnis für die Beziehung Christi zu seiner Kirche verstanden.
10 Das Leben vor der Geburt ist eine Sondersituation menschlichen Lebens. 11 Es kann zunächst nicht außerhalb des mütterlichen Organismus existieren und ist doch eigenständiges Leben, das nicht einfach als teil des mütterlichen Leibes betrachtet werden kann. 12 Es bedarf deshalb der Annahme und des besonderen Schutzes und ist auf die Gemeinschaft der Familie und die Gesellschaft angewiesen.
2.3
Verantwortung und Sorge
1 Menschliches Leben ist ohne Hingabe und Opferbereitschaft nicht möglich. 2 Der Grad der Abhängigkeit von anderen Menschen mag verschieden sein. 3 Aber kein Mensch ist völlig unabhängig von seinen Mitmenschen. 4 Deshalb ist es für jeden Menschen entscheidend, welche Bindungen er eingeht.
5 Jede mitmenschliche Bindung schließt den Verzicht auf eine Vielzahl anderer Möglichkeiten ein. 6 Auch die Entscheidung für ein Kind bedeutet eine solche Bindung. 7 Sie wird den Ehepartern von der Gesellschaft in der heutigen Welt nicht leichtgemacht. 8 Schwangerschaft und Geburt können für die Frauen einen Verlust im Beruflichen und Einschränkungen anderer Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung mit sich bringen. 9 Andererseits können sie zu einer neuen Weise erfüllten Lebens werden.
10 In Schwangerschaft und Geburt liegen auch Chancen, eine neue Dimension des Lebenssinnes zu finden. 11 Die Zuwendung zu der überschaubaren Gemeinschaft von Menschen innerhalb einer Frage bringt Bereicherung und Lebensentfaltung mit sich. 12 Die Hingabe an andere im Geiste Jesu Christi erschließt Tiefe und Lebenserfüllung.
2.4
Leben ist dem Versagen und der Schuld ausgesetzt
1 Die Kraft des Menschen, seine Mitmenschen anzunehmen, wie sie sind, ist begrenzt. 2 Der Mensch verfehlt immer wieder seine Mitmenschen und versucht, aus dieser Situation auszubrechen. 3 Dies gilt auch für seine geschlechtlichen Beziehungen.
4 Ehepaare können in Bedrängnis geraten, weil sie sich einem weiteren Kind nicht gewachsen fühlen. 5 Neues Leben kann auch aus leichtfertigen oder unbewältigten Beziehungen entstehen. 6 Die Schwangerschaft kann dazu mißbraucht werden, einen Partner an sich binden zu wollen. 7 Der Mann kann versuchen, sich seiner Verpflichtung für die Frau zu entziehen, indem er auf Schwangerschaftsabbruch drängt. 8 In solchen Fällen können sich Angst und Ablehnung auf das entstehende Leben richten.
9 Die kirchlichen Berater werden so in eine Geflecht von ambivalenten und sich widersprechenden Gefühlen hineingezogen. 10 Sie können sich der Bedrängnis, die von den Frauen erlebt wird, kaum entziehen. 11 Es ist ihre Aufgabe, die persönlichen Beziehungen und unbewußte Beweggründe zu klären und darauf hinzuarbeiten, daß eine Entscheidung gefunden wird, die vor Gott und Menschen auch in Zukunft verantwortet werden kann.
2.5
Leben heißt, sich der Gnade Gottes anzuvertrauen
1 Menschliches Leben kommt nicht ohne Planung aus, ist aber planendem Zugriff nicht restlos unterworfen. 2 Die Wege des Menschen verlaufen oft anders als erwartet. 3 Der Mensch braucht auch im persönlichen Bereich die Fähigkeit, sich auf das Unerwartete einzustellen. 4 Er braucht das Vertrauen auf Gottes gnädige Führung.
5 Vertrauen ist auch im Blick auf das Leben der nächsten Generation notwendig. 6 Ohne das Vertrauen, daß die Lebensmöglichkeiten für die kommenden Generationen bereitstehen, ist die Entscheidung für ein Kind unmöglich. 7 Schwangerschaft und Geburt sollen deshalb von Hoffnungen getragen sein.
8 Wenn nach Beratung und verantwortlicher Betrachtung aller Möglichkeiten die Schwangere zu ihrem Kind nicht ja sagt, darf sie nicht aus unserer Sorge und Solidarität entlassen werden.
9 Die kirchlichen Beratungsstellen und Gemeinden haben auch eine Aufgabe an den Frauen, die sich nicht zur Austragung ihres Kindes entschließen konnten.
3.
Folgerungen für kirchliche Beratungsstellen
3.1
1 Kirchliche Beratungsstellen stehen im Spannungsfeld zwischen öffentlicher Meinung, der Not der Betroffenen, insbesondere der Frauen und dem Anspruch des Evangeliums. 2 Die Berater müssen vom Vertrauen der Ratsuchenden und dem Vertrauen ihrer Kirchen getragen sein.
3.2
Kirchliche Berater sollen deutlich machen: daß Christus jeden Menschen auch und gerade in Grenzsituationen liebt und sucht; daß die Ehrfurcht vor dem Leben auch das werdende Leben umschließt; daß die Hoffnung auf Gott auch für die kommende Generation Leben ermöglicht.
3.3
1 Kirchliche Berater haben auf dem Hintergrund der biblischen Botschaft den Lebenden zu dienen und sich zum Fürsprecher des ungeborenen Lebens zu machen. 2 Sie sollen die betroffenen Frauen zu einer persönlichen Gewissensentscheidung ermutigen, die sie auch in Zukunft bejahen können.
3.4
1 Kirchliche Beratungsstellen können die wirksame Solidarität innerhalb der Gemeinden nicht ersetzen. 2 Sie brauchen die Unterstützung von Gemeindegliedern, die für das Lebensrecht der Kinder eintreten und die bereit sind, durch persönliches Engagement solchen Müttern und Vätern zu helfen, die eine Zeitlang eine Unterstützung durch andere nicht entbehren können. 3 Die kirchlichen Beratungsstellen sind auf personelle und finanzielle Hilfen ihrer Kirchen und der öffentlichen Hand angewiesen.
3.5
Kirchliche Beratungsstellen müssen durch andere kirchliche Dienst ergänzt werden, die den Heranwachsenden helfen, mit der eigenen Geschlechtlichkeit verantwortlich umzugehen und Väter und Mütter befähigen, ihren Kindern bei der Erziehung die notwendige Lebenshilfe zu geben.
1 Die Schwangerschaftsabbrüche stellen die Kirchen besonders vor die Aufgabe, an der Beseitigung sozialer Defizite unserer Gesellschaft mitzuwirken. 2 Es geht darum, die Ursachen von Notlagen zu bekämpfen und nicht einen Ausweg durch Beseitigung des ungeborenen Lebens zu suchen.
3 Die im Bereich der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Baden-Württemberg tätigen kirchlichen Beratungsstellen sehen in ihrer Aufgabe ein gemeinsames Zeugnis für die Botschaft des Evangeliums und für eine christliche Zukunftshoffnung.