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Geltungszeitraum von: 01.01.2006

Geltungszeitraum bis: 01.08.2009

Richtlinien für die Gemeindeberatung in der Evangelischen Landeskirche in Baden

Vom 6. September 2005

(GVBl. 2006 S. 86)

Der Evangelische Oberkirchenrat erlässt gem. § 127 Abs. 2 Nr. 10 Grundordnung folgende Richtlinien für die Gemeindeberatung in der Evangelischen Landeskirche in Baden:
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I. Grundlagen

1 Gemeinden in ihrer verschiedenen Gestalt sind lebendige Organismen, die durch Veränderungen, Wachstumsschritte und Krisen gehen. 2 In jeder Gemeinde ist eine Fülle von Gaben, Talenten und Charismen vorhanden, die immer wieder entdeckt, gefördert und organisiert werden müssen. Begleitende Beratung geschieht schon immer, Gemeindeberatung, wie sie hier formuliert und angeboten wird, hat ihre Wurzeln im sozialwissenschaftlichen und psychologischen Bereich (Organisationsberatung, Kommunikationsforschung) und wurde über viele Jahre im kirchlichen Bereich erprobt. 3 Sie ist eine besondere Form der Supervision.
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II. Inhalte

  1. 1 Grundsätzlich ist Gemeindeberatung ein Lernprozess am Ort selbst, der die einzelnen Mitglieder, die Gruppen, die Themen und die Strukturen der Gemeinde wahrnimmt. 2 Gemeindeberatung ist das Angebot, mit einem von außen kommenden Beratungsteam die Aufgaben und Probleme der Gemeinde in ihrem kirchlichen und gesellschaftlichen Umfeld möglichst klar zu erkennen und ihre eigenen Möglichkeiten zu entdecken.
  2. 1 Gemeindeberatung zielt auf Erneuerung und Veränderung. 2 Dabei geht sie davon aus, dass die Kräfte für die Erneuerung und Veränderung in der Gemeinde selbst vorhanden sind.
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III. Zielgruppen

  1. Gemeindeberatung wird in der Regel für Gruppen auf parochialer Ebene, z.B. Ältestenkreise, Kirchengemeinderäte, Gemeindebeiräte, Gruppen(pfarr)ämter, Mitarbeiterkreise, Teams von Kindergärten und Sozialstationen angeboten.
  2. Entsprechend ist Beratung auch auf der Ebene der Kirchenbezirke und der Landeskirche möglich.
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IV. Beratungsschwerpunkte

  1. Beratungen in Konzeptions-, Struktur- und Organisationsfragen,
  2. Beratungen in Fragen der Kooperation,
  3. Beratung in Krisen und Konflikten sowie
  4. Beratung bei der Entwicklung neuer Arbeitsformen.
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V. Beratungsanlässe

Beispiele für Beratungsanlässe sind:
  1. Pfarrerinnen- oder Pfarrerwechsel (Vorbereitung, Beginn der Arbeit),
  2. Einrichtung eines Gruppen(pfarr)amtes,
  3. Errichtung von Spezialstellen und Kooperation von Stellen,
  4. neuer Nebenauftrag für hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,
  5. Umstrukturierungen einer Pfarrei (z.B. Teilung, Deputatsänderung),
  6. Wahlen (z.B. Ältestenwahlen),
  7. Mitarbeiterbefähigung,
  8. Erweiterung oder Verringerung des Mitarbeiterteams,
  9. Strukturierungshilfe für Mitarbeiterfreizeiten,
  10. Leitungskonflikte,
  11. Mitarbeiterkonflikte,
  12. Kooperation mit Nachbarpfarreien,
  13. Kooperation mit der Kommune,
  14. Konflikte mit der Kommune, mit Nachbarpfarreien, Dekanaten und mit anderen (religiösen) Gemeinschaften,
  15. entstehendes Neubaugebiet,
  16. Industrieansiedlung,
  17. Einrichtungen für Asylsuchende, Aussiedler und Übersiedler,
  18. Überalterung der Gemeinde,
  19. Initiation von Öffentlichkeitsarbeit,
  20. Visitationen
  21. und entsprechende Anlässe auf bezirklicher und landeskirchlicher Ebene.
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VI. Rahmenbedingungen

  1. 1 Gemeindeberatung kommt freiwillig zustande. 2 Voraussetzung ist deshalb das Einverständnis aller Beteiligten.
  2. Gemeindeberatung ist ein geschützter Vorgang, der vertraulich behandelt werden muss.
  3. Gemeindeberatung wird in der Regel von zwei Personen durchgeführt.
  4. Gemeindeberatung ist zeitlich befristet.
  5. 1 In Vorgesprächen klären die Partner ihre Erwartungen. 2 Notwendige Voraussetzung für das Zustandekommen der Gemeindeberatung ist der Abschluss eines Beratungskontraktes.
  6. Alle Beteiligten verpflichten sich zu regelmäßiger Teilnahme.
  7. 1 Die Kosten trägt der jeweilige Auftraggeber. 2 Sie umfassen Beratungsgebühren (je nach Zeitumfang), Fahrtkostenpauschalen sowie anfallende Sachkosten (z. B. Materialkosten, Verpflegung und Unterkunft für das Beratungsteam).
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VII. Ausbildung der Gemeindeberaterinnen und -berater

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Gemeindeberatung müssen eine qualifizierte Ausbildung vorweisen und sind: Absolventinnen und Absolventen der pastoralpsychologischen Fortbildung in Baden, ordentliche Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Pastoralpsychologie, Absolventinnen und Absolventen von Gemeindeberaterinnen- und Gemeindeberaterausbildungen (z.B. beim Institut der Evangelischen Kirche in Hessen-Nassau), Absolventinnen und Absolventen von Supervisionsausbildungen an Fach- und Gesamthochschulen und Personen mit vergleichbaren Ausbildungswegen.
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VIII. Zulassung der Gemeindeberaterinnen und -berater

  1. 1 Gemeindeberaterinnen und -berater werden von der Arbeitsgemeinschaft Gemeindeberatung im Einvernehmen mit dem Evangelischen Oberkirchenrat als Gemeindeberaterinnen und Gemeindeberater für sechs Jahre zugelassen. 2 Eine erneute Zulassung ist möglich. 3 Damit werden sie zugleich Mitglieder der „Arbeitsgemeinschaft Gemeindeberatung in der Evangelischen Landeskirche in Baden“.
  2. Bei der Zulassung von kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist vor Herstellen des Einvernehmens mit dem Evangelischen Oberkirchenrat in Absprache mit der bzw. dem Betroffenen, gegebenenfalls auch in Absprache mit der bzw. dem unmittelbaren Dienstvorgesetzten, festzulegen, wie die Gemeindeberatung ausgeübt wird:
    1. 1 Wird ein zusätzlicher Dienstauftrag erteilt, sind alle Tätigkeiten als Gemeindeberaterin bzw. als Gemeindeberater Arbeitszeit und werden nicht gesondert vergütet. 2 Auslagenersatz erhält die Gemeindeberaterin bzw. der Gemeindeberater von der Arbeitsgemeinschaft Gemeindeberatung.
    2. 1 Wird die Gemeindeberatung als Nebentätigkeit ausgeübt, erhalten Gemeindeberaterinnen und Gemeindeberater für ihre Beratungsleistungen von der Arbeitsgemeinschaft Gemeindeberatung eine Aufwandsentschädigung (Honorar) sowie Auslagenersatz. 2 Das allgemeine Nebentätigkeitsrecht bleibt unberührt.
  3. Gemeindeberaterinnen und Gemeindeberater, die ihre Tätigkeit freiberuflich ausüben und keine kirchlichen Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter sind, erhalten für ihre Beratungsleistungen von der Arbeitsgemeinschaft Gemeindeberatung eine Aufwandsentschädigung (Honorar) sowie Auslagenersatz.
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IX. Arbeitsgemeinschaft Gemeindeberatung in der Evangelischen Landeskirche in Baden

  1. 1 Die Arbeitsgemeinschaft Gemeindeberatung in der Evangelischen Landeskirche in Baden setzt sich aus den zugelassenen Gemeindeberaterinnen und Gemeindeberatern, den auf Antrag zugelassenen Gemeindeberaterinnen und Gemeindeberatern in Ausbildung und einer Vertreterin oder einem Vertreter des Evangelischen Oberkirchenrats zusammen. 2 Sie trifft sich mindestens einmal im Jahr.
  2. Ihre Aufgabe ist es, die Gemeindeberatung in der Landeskirche zu organisieren, zu gewährleisten und inhaltlich zu reflektieren.
  3. 1 Die Arbeitsgemeinschaft wählt aus ihrer Mitte einen Vorstand. 2 Er besteht aus einer Geschäftsführerin oder einem Geschäftsführer und vier weiteren Mitgliedern.
  4. Der Vorstand hat vor allem folgende Aufgaben:
    1. Auf Anfragen für Gemeindeberatung Auskunft zu erteilen und Beratung zu vermitteln.
    2. Gemeindeberatung bekannt zu machen.
    3. Neue Gemeindeberaterinnen und Gemeindeberater zu gewinnen.
    4. Die Fortbildung für Gemeindeberaterinnen bzw. Gemeindeberater zu fördern und die Reflexion über Inhalte und Methoden von Gemeindeberatung in der Arbeitsgemeinschaft vorzubereiten und anzuregen.
    5. Die Verbindung mit der eigenen Landeskirche und mit anderen Landeskirchen und den entsprechenden Beratungseinrichtungen zu pflegen.
    6. Dem Evangelischen Oberkirchenrat einen jährlichen Arbeitsbericht zu erstatten.
  5. Die Arbeitsgemeinschaft gibt sich eine Geschäftsordnung und richtet eine Geschäftsstelle ein.
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X. Aufgaben der Landeskirche

  1. Die Landeskirche schafft die finanziellen Voraussetzungen für die Aus- und Fortbildung der Gemeindeberaterinnen und Gemeindeberater und für weitere berufsbegleitende Maßnahmen.
  2. Die Landeskirche kann nach Maßgabe ihres Haushalts Zuschüsse gewähren.
  3. Die Landeskirche gewährleistet, dass Gemeindeberatung ohne Genehmigung durch vorgesetzte Instanzen erfolgen kann und die zu Beratenden die Möglichkeit erhalten, Gemeindeberatung über die entsprechenden Haushaltspläne zu finanzieren.
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XI. Inkrafttreten

  1. Diese Richtlinien treten am 1. Januar 2006 in Kraft.
  2. Die Richtlinien für die Gemeindeberatung in der Evangelischen Landeskirche in Baden vom 27. Juli 1995 (GVBl. S. 200), zuletzt geändert am 11. September 2001 (GVBl. S. 238) treten außer Kraft.